Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten

Bissig, brilliant und zum Brüllen komisch: „Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte“ von Johannes Witek

Johannes Witek trifft ins Schwarze: In diesem Gedichtband mit dem witzigsten Titel aller Zeiten legt er den Finger in die Wunde – mitten hinein in gesellschaftliche und seelische Abgründe. „Der Mensch ist seiner Anlage nach eher unvorteilhaft zusammengesetzt“ sagt Witek mit trockenem Witz, der typisch für ihn ist.

Witek ent-deckt den Alltag, der nie ein Alltag ist. Er entdeckt das Menschliche, er legt es Schicht für Schicht frei und findet darin Selbstsucht, Grausamkeit und Verzweiflung – und zugleich eine surreale Komik, die das Menschsein erträglich macht. Witek formuliert eine „Psychologie der Masse“, kurz und exakt wie ein Schuss. Der Erzähler ist zugleich immer Teil davon, steht mit am Abgrund und erhebt sich nie über die, die er zu kritisieren scheint. „Ich nehme mich da nicht aus“, so der Autor. Auch Österreich nimmt er nicht aus. Was jedoch beim ersten Lesen als gnadenlos zynischer (und gnadenlos zutreffender) Verriss seines Landes erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick als feinfühlige Suche nach einer Antwort auf die Frage, was es bedeutet, Österreicher zu sein. Seine Antwort ist vor allem eines: kraftvoll. Mit breitem, wütenden Pinselstrich schleudert er Gedichte in die Welt, die sich nicht darum scheren, wie sie ankommen, die sich nicht anbiedern, die ehrlich erfühlt werden wollen. Witeks Gedichte sind mutig, rotzig, witzig und klug – und zugleich hoch sensibel und zutiefst poetisch. Gedichte, die seit Bukowski ihresgleichen suchen.

Nach diesem Buch weiß man wieder, was Lyrik kann und können soll: den Blick auf die Welt verändern. Und selten wird man dabei so viel lachen.

(Gabriele Busse)