Do you hear the thunder

Was für ein Tag: Tote in Berlin, Tote in einer Moschee in Zürich, ein toter russischer Botschafter in der Türkei, und Donald Trump wurde endgültig gewählt. Die Welt gerät aus den Fugen, und mir ist übel.

Für andere ist die Welt ja längst aus den Fugen, die werden nur eher selten erwähnt. Die jahrelangen Bombardements im Irak, in Afghanistan und der Krieg im Jemen; vom Westen ausgebeutete und danach vergessene Kontinente wie Mittel- und Südamerika und weite Teile Afrikas: Dort ist das, was bei uns nun passiert ist, beinahe Alltag. Die desolate Lage ganzer Kontinente relativiert das bei uns enstehende Leid natürlich mitnichten, allerdings kommt die (durch uns selbst ausgelöste) Ungerechtigkeit der Welt und die Hydra des Irrsinns eben offenbar auch bei uns langsam an. Wir haben in einer Blase des Wohlstands, des Konsums und der Sicherheit gelebt. Für den weit größeren Teil der Welt hingegen ist es „normal“, mit Kriminalität und existenzieller Unsicherheit leben zu müssen – was nicht bedeutet, dass es dadurch weniger schlimm ist. Wir hatten nur sehr viel „Glück“, dass wir uns bisher relativ sicher fühlen durften (bis auf über tausend Anschläge auf Flüchtlinge allein letztes Jahr, aber die gelten ja irgendwie nie). Dabei vergessen wir gerne, dass der Wohlstand des sogenannten Westens einzig und allein auf der Ausbeutung vom Rest der Welt basiert. Wir profitieren nach wie vor von (post)kolonialen Strukturen. Nach und nach wird uns aber unsere eigene Ausbeutung um die Ohren fliegen, weil man Kontinente, Länder und Menschen nicht ewig ausbeuten kann. Ein paar einzelne Irre, die durchdrehen und Anschläge verüben, sind dabei wohl erst der Anfang. Eine so grausam kapitalistische Welt wie die unsere wird immer Menschen hervorbringen, die zutiefst verzweifelt sind, ganz gleich welcher Nation, und Verzweiflung ist der gefährlichste Zündstoff der Welt.

Was als Folge vereinzelter Gewalttaten beinah ähnlich entsetzlich ist wie das Leid selbst: Die intensive Berichterstattung darüber lenkt vom eigentlichen politischen Geschehen völlig ab. Die Ereignisse in Berlin werden jetzt wieder tagelang die Medien bestimmen; natürlich einerseits zu recht, denn Menschen sind gestorben, verletzt und traumatisiert. Andererseits aber überdeckt eine so extreme mediale Aufarbeitung die wahren Probleme in unserer Struktur: Dass beispielsweise mittlerweile zwei Polizisten in den Skandal um die rechtsextreme Freital-Gruppe verwickelt sind, war den Zeitungen nur einen Tag lang eine Meldung wert, irgendwo weiter unten. Oder auch, ähnlich brisant: Unsere Regierung hat den Armutsbericht manipuliert, und auch das war uns nur eine kurze Meldung am Rande wert. Das aber ist ebenso wie die rechtsextremen Verwicklungen des Verfassungsschutzes und der Polizei ein tiefgreifendes, systematisches, politisches Problem – während ein LKW, der in einen Weihnachtsmarkt rast, zwar eine Katastrophe ist, aber keine politische Bedeutung hat (bis auf die Möglichkeit, dass er dazu instrumentalisiert wird). Denn wie auch immer „die Politik“ darauf reagiert: Solche Unfälle oder Anschläge werden sich niemals vermeiden lassen. Egal, wie viel Macht man dem Überwachungsstaat nach so einem Schock zugestehen möchte – er könnte ähnliche Anschläge doch nie vermeiden. Er könnte nur den letzten Rest von Demokratie, den wir haben, zerstören.

Wenn solche Ereignisse aber mehr und mehr unsere Medien und damit unsere Emotionen bestimmen, werden wir gegenüber den eigentlichen Problemen, nämlich gegenüber denen, die man ändern könnte und dringend ändern sollte, unempfindlich. Solche Anschläge sind auch Anschläge auf unsere politische Sensibilität. Das tagelange Mediengewitter macht uns taub für das dumpfe Donnergrollen, das die Struktur des Staates seit Jahrzehnten erschüttert: Deutschland ist in seinen Grundfesten mit Rechtsextremen verbandelt. Solang das nicht aufgedeckt und konsequent geahndet wird, solang der Verfassungsschutz, die Polizei und damit Organe unserer Regierung dem Rechtsextremismus freie Fahrt garantieren, während wir auch noch mit gefälschten Berichten besäuselt werden, so lang wird sich in diesem Land nichts ändern. Das Mediengewitter bewirkt nur, dass sich immer mehr Idioten der Meinung anschließen, dieses Land sei nicht rechts genug. Keine Sorge: ist es.