Was dann, Europa?

Die Route über den Balkan ist jetzt also offiziell dicht, damit Europa sich weiterhin im Glanz des eigenen Friedensnobelpreises sonnen kann, anstatt sich mit den Menschen zu befassen, die es auf dem Gewissen hat. Jetzt kann wieder schön außerhalb der Grenzen krepiert werden, vor welchen auch immer, und wenn Griechenland da wieder mal nicht mitmachen will, muss Europa wieder böse werden und es aus Schengen rauswerfen. Wir haben Griechenland und die anderen Dublin-Staaten doch schon immer mit den Flüchtlingen allein gelassen, warum stellt es sich ausgerechnet jetzt so an??

Und was heißt „Grenzen dicht“ eigentlich? Werden Menschen jetzt an den Grenzen abgeknallt, wenn sie sich erdreisten, vor dem Tod zu fliehen? Oder lässt man sie jetzt einfach noch ein bisschen offizieller im Meer absaufen, Petry heil? Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, nur um in Europas größter Schlammpfütze Idomeni vergessen zu werden, sagten in Interviews, sie wünschen sich, sie könnten zurück nach Syrien, denn dort käme der Tod wenigstens schnell. Freude, schöner Götterfunken!

Wie müssen sich eigentlich Menschen fühlen, die von ganzen Ländern nicht gewollt werden? Wie müssen sich Menschen fühlen, für die wir ZAHLEN, damit wir sie NICHT haben müssen? Wie müssen sich Menschen fühlen, für die wir unsere vielbeschworenen abendländischen Werte (die Menschenrechte) plötzlich gern mit Füßen treten und Vebrecher wie Erdogan bezahlen, damit der sich – bestimmt ausnehmend zartfühlend – um diese Menschen kümmert?

Die Welt, ein Selbstbedienungsladen: Wir kaufen und verkaufen was und wen wir wollen, und wenn wir dafür nicht Kapital bekommen, sondern Menschen, bezahlen wir Tyrannen, damit wir sie nicht haben müssen. Wir verschachern Leben. Im Kapitalismus haben Menschen nur dann einen Wert, wenn sie konsumieren oder produzieren. Ein Mensch ohne Kapital ist nichts wert. Wir zahlen notfalls sogar dafür, dass er gar nicht erst bei uns auftaucht. Nichts zu danken, gern geschehen.

Wie wäre es denn mit legalen, ungefährlichen, organisierten Fluchtkorridoren, anstatt die Grenzen auch noch zu schließen? Wie wäre es, wenn wir die Todgeweihten direkt aus dem syrischen Inferno holen würden, um ihnen das Asyl zu gewähren, das ihnen hier ohnehin zusteht? Wie wäre es, wenn wir jenen, die vor dem sicheren Tod fliehen, mehr anbieten als den unsicheren Tod? Wir muten diesen Menschen zu, Schleppern, die auf ihr Leben scheißen, ebenjenes anzuvertrauen, um auf Nussschalen den Ozean zu überqueren und zusammengepfercht in LKWs zu ersticken. Und falls sie hier doch noch dank tausend Zufällen lebend ankommen, werden sie mit einem Feuerwerk in den eigenen vier Wänden empfangen, während Politiker sich fragen, wie man ihnen auch noch die Grundrechte entziehen kann, ohne es so zu nennen. Refugees welcome.

Mehr als tausend Anschläge gab es auf Flüchtlingsunterkünfte im letzten Jahr, während besorgte Bürger applaudieren. Wir haben kein Problem mit Flüchtlingen, sondern mit Nazis.

Aber weißt du was, Europa: Das ist erst der Anfang. Man kann nicht immer in den roten Zahlen leben. Man kann nicht jahrzehntelang mit Waffen Geschäfte machen und mit Tyrannen paktieren und hoffen, dass man für die Folgen nie zur Verantwortung gezogen wird. Jetzt stehen die, bei denen wir uns verschuldet haben, vor unseren Toren. Und wir wollen sie nicht haben.

Ich frage mich, was passieren wird, wenn irgendwann DIE Menschen bei uns auf der Matte stehen, für die nicht nur unsere Politik Verantwortung trägt, sondern jeder einzelne von uns. Die Menschen in Syrien habe zumindest ich persönlich nicht auf dem Gewissen, zumindest nicht soweit ich weiß, auch wenn ich mal ein Konto bei der Deutschen Bank hatte, die in Waffen investiert, womit ich die Flüchtlinge vielleicht doch auf dem Gewissen habe. Aber wir haben vor allem Millionen anderer Menschen auf dem Gewissen, auf deren Leben wir ganz bewusst geschissen haben, weil uns irgendwelche Dinge wichtiger waren, von denen wir dachten, dass wir sie kaufen dürfen, denn was man im Laden kaufen kann, kann ja so falsch nicht sein: Smartphones, Laptops, Turnschuhe, Fernseher, T-Shirts, Kaffeekapseln. Neulich las ich, dass Flüchtlinge in irgendeinem Dorf in Norddeutschland bei den Bewohnern ans Wohnzimmerfenster geklopft hatten. An mein Wohnzimmerfenster hat noch niemand geklopft, aber seitdem frage ich mich, was ich dann wohl tun würde. Ich frage mich vor allem, was passieren würde, wenn all diese Menschen, auf die wir bislang geschissen haben, vor unseren Wohnzimmerfenstern stünden. Wenn der Junge, der im Kongo das Coltan für mein Handy abgebaut hat, vor meinem Fenster stünde. Oder die Frau, die in einer längst abgebrannten Fabrik in Bangladesh für drei Cent am Tag meine Jeans zusammengenäht hat und noch nie einen Tag frei hatte. Oder das Mädchen in Nicaragua, das sich für meine Kaffeekapseln versklavt hat (die zwar zehnmal teurer waren als Fairtrade-Kaffee, aber der war mir zu teuer) und dem ich noch eine Kindheit schulde.

Was würde passieren, wenn all die Menschen, für die wir WIRKLICH Verantwortung tragen, sich auf den Weg zu uns machen würden? Was würde passieren, wenn unsere globalen Sklaven an unsere Fenster klopften? Es stünden sehr, sehr viele Menschen vor unseren Fenstern. Es stünden genau genommen 80 Prozent der Menschheit vor den Fenstern von 20 Prozent der Menschheit. Und was würde erst passieren, wenn all die anderen Ausgebeuteten vor unseren Fenster stünden, die Milliarden von Tieren, die wir für uns haben abschlachten lassen? Was würde passieren, wenn sie aus den Schlachthöfen auferstehen würden und vor unseren Fenstern stünden, wund und still, und uns aus leeren Augen ansähen? Vor unseren Fenstern stünden Millionen von Menschen und Milliarden von Tieren. Sie wären da, wenn wir abends die Jalousien herunterließen, und sie wären noch da, wenn wir sie morgens wieder hochzögen. Vor uns stünden all die Ausgebeuteten, die wir selbst produziert hätten, weil sie für uns produziert haben, und sie sähen uns schweigend an, Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr. Sie stünden durch alle Jahreszeiten hindurch vor unseren Fenstern, im Winter fiele leise der Schnee auf sie, und wenn wir wegführen, stünden sie bei unserer Heimkehr noch immer dort, ganz, ganz still. Und gingen nie mehr weg.

Was dann, Europa?

Dann (und erst dann) würden wir vielleicht endlich begreifen, dass wir niemals nur Dinge gekauft haben, sondern Menschen. Und dass man sich vielleicht von Menschen freikaufen kann, aber niemals von Schuld.