Weihnachtszeit ist Entenzeit

Meine Familie hat früher immer gern Enten gegessen, zu Weihnachten. Das war dann ein schönes Weihnachten; nur für die Enten war das Weihnachten irgendwie nicht so schön. Eines Morgens aber fand ich auf dem Weg zur Uni eine verletzte und halb erfrorene Zucht-Ente am städtischen See. Sie war entweder dort ausgesetzt worden oder entlaufen und versuchte, in der dreckigen Brühe zu überleben, mitten im Winter, bei minus 15 Grad, zwischen Müll, Zigarettenkippen und anderen Enten, die sie nicht mochten. Als ich die Ente fand, war sie ein blutiges Gerippe mit vereisten Federn. Ich versuchte, sie zu fangen, aber sie entkam mir. Und zwar ein Jahr lang. Ja, ein ganzes Jahr.

Ich informierte den Tierschutz, die Polizei, die Feuerwehr. Und sie alle versuchten vergebens ihr Glück: der Tierschutz, die Polizei, die Feuerwehr. Ich terrorisierte ein Jahr lang das städtische Ordnungsamt, nur weil auf dem See eine ENTE war (bis heute schließen sie das Büro, wenn ich das Gebäude betrete 😉 ). Dem Leiter des Ordnungsamtes, der ihr erst nicht helfen wollte, schrieb ich: „Für Sie ist es nur eine Ente. Aber für die Ente ist es ein Leben.“ Er amüsierte sich darüber. Die Ente nicht.

Also ging ich es selber an: Ich baute Fallen, telefonierte mit Entenprofis (ja, das gibt es), zwang Freunde regelmäßig zur Entenjagd. Es half alles nichts: Die Ente war klüger als wir alle. Sie entkam den Booten der Feuerwehr, tauchte den Tauchern davon, tappte nicht in meine Fallen. So blieb mir nur, sie zu füttern. Ich ging jeden Tag an den See, suchte die Ente und fütterte sie, da sie sonst nicht überleben konnte. Einmal musste ich ins Krankenhaus, weil ich einen Autounfall hatte. Ich wurde gefragt, wen sie jetzt anrufen sollen, und ich sagte, „den Tierschutz, weil jemand die Ente im See füttern muss“. Daraufhin untersuchte man mich auf einen Hirnschaden 😉 Ein paar Monate später fraß die Ente mir bereits aus der Hand, und schließlich kam sie sogar über den ganzen See geschwommen, wenn ich nach ihr rief. Nur fangen ließ sie sich nicht. Weil das Vieh einfach verdammt schlau war.

Erst ein Jahr später, einen Tag vor Weihnachten, als es fast minus zwanzig Grad hatte und ich um ihr Leben fürchtete, gelang mir ihre Rettung. Ich hackte mitten in der Nacht einen Seitenarm des Sees vom Eis frei, hing ihn mit Netzen ab und jagte die Ente hinein. Dann rief ich uns ein Taxi, sie schiss es voll und ich war glücklich. Der Taxifahrer nicht so. Ich brachte die Ente zu einem kleinen Hof in der Nähe und besuchte sie später manchmal, um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich niemand aß. Sie war fett und glücklich, ging ihrem Entenleben nach und hatte bald mehr Freunde als ich.

Meine Familie, die sonst sehr gerne Enten aß, erkundigte sich während meines Entenjahres alle paar Tage telefonisch: „Und, wie geht es der Ente?“ Die Ente war unfreiwillig ein Familienmitglied geworden, ausnahmsweise sogar ohne Teller. Einmal sagte ich, „Mama, wie kannst du dir um diese eine Ente Sorgen machen, und andere Enten isst du auf?“, und sie sagte, „ja, weil ich die halt kenne.“ Dann aber besuchte sie später unsere Ente auf dem Hof. Es war Liebe auf den ersten Blick, beiderseits. Seitdem aß sie nie wieder eine Ente.

Als unsere Ente später starb, weinten wir. Das war ein paar Tage nach Weihnachten, und seitdem ist Weihnachtszeit für uns wirklich Entenzeit: Es war die Zeit, in der ich die Ente rettete, und die Zeit, in der sie starb. Weihnachtszeit ist für uns die Zeit, in der man an eine Ente denkt und ein bisschen traurig wird.

Wenn ich heute lese, dass allein in einem einzigen Betrieb an einem einzigen Tag 40.000 Enten getötet werden, will ich nicht mehr auf dieser Welt sein. Wenn ich aber weiß, dass ich auch nur eine davon retten kann, dann will ich genau deshalb auf der Welt sein.

Danke an alle Menschen, die Enten mögen.
Danke an alle Enten, dass Ihr so coole Tiere seid.